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Tourism matters!

Eine angeregte Diskussionsrunde moderiert von Eva-Maria Hart und Alicia Storch gemeinsam mit den Referenten Oswald Pehel, Martin Wölzmüller und Frederik Mayet (v.l.n.r.)
Eine angeregte Diskussionsrunde moderiert von Eva-Maria Hart und Alicia Storch gemeinsam mit den Referenten Oswald Pehel, Martin Wölzmüller und Frederik Mayet (v.l.n.r.)

[29|06|2015]

Tourismus in Oberbayern – Die Grenzen zwischen Authentizität und Inszenierung


Was ist authentisch? Wie will sich Oberbayern gegenüber Touristen vermarkten und wo sind die Grenzen zwischen der stolzen Präsentation unserer Heimatbräuche und einer überinszenierten und kommerzialisierten Ausbeutung eben jener?Um diese Fragen zu diskutieren, waren zahlreiche Fachleute der Tourismusbranche zum Masterforum an der Fakultät für Tourismus angereist. Auch Vertreter des Bayrischen Rundfunks und der Gastronomie beteiligten sich an der Diskussionsrunde an der Hochschule München.

Ein kurzer Film, für den die Tourismus-Studierenden eigens Einheimische und internationale Besucher Münchens befragt hatten, stellte typische Klischees deutlich heraus.
Martin Wölzmüller, Geschäftsführer des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege e.V., stellte aber klar, dass es sich dabei allenfalls um „flache[…] Symbolik, erfunden von Dekorateuren, Fremdenverkehrsdirektoren, Bierzeltwirten [und] Landeskundlern“ handelt, die ein nur bruchstückhaftes Bild der Landbevölkerung des 19. Jahrhunderts abbildet. Daraus ist ein mit Klischees und Vorurteilen gespicktes Bild von Bayern in der Welt entstanden, das wenig mit der heute gelebten Wirklichkeit zu tun hat.

‚Echte‘ Erlebnisse als Schlüssel zum Erfolg
Doch wie kann sich die Tourismusregion Oberbayern in Zukunft authentisch, stimmig und glaubwürdig präsentieren? Und was tun, wenn sich die Bilder bereits in den Köpfen der Touristen festgesetzt haben? Denn laut Prof. Dr. Thomas Bausch ist es nicht immer einfach sich authentisch zu präsentieren: „Der Tourismus übt einen Druck auf das System aus, weil Stereotype in den Köpfen geschaffen worden sind und dazu behauptet wird, das erwarte der Verbraucher“. Werden die Erwartungen der Gäste unreflektiert erfüllt, besteht aber die Gefahr, eine leere Inszenierung zu schaffen, die aus ihrem ursprünglichen Wertesystem, ihrem regionalen und kulturellen Hintergrund völlig entwurzelt ist. Nicht aus Bayern stammende Kellnerinnen, die im Dirndl einen Schweinebraten eines Schweinemastbetriebs aus Holland und das Bier eines belgischen Großkonzerns servieren – authentisch und ehrlich ist das wohl kaum.
‚Echte‘ Erlebnisse hingegen bilden den Schlüssel zum Erfolg: Die gekonnte Vermarktung regionaler Produkte und die Entscheidung für ein Gästesegment, das diese auch wertschätzt. Hervorgehoben werden müssen laut Oswald Pehel, Geschäftsführer des Tourismus Oberbayern München e.V., „die ganz typischen Dinge, die aus der Kulturgeschichte der Region kommen und die Gäste aber auch nach wie vor interessieren und auch spannend sind“. Beispielsweise Bräuche wie das Maibaum-Aufstellen, dessen Tradition in der Geschichte weit zurück reicht, aber auch heute noch von Gästen wie Einheimischen geschätzt wird.“ Erleben Touristen diese Traditionen, auf die alle in Bayern stolz sind, mit, so fühlen sie sich als Teil einer Wirklichkeit. „Von innen heraus Erlebnisse zu haben, das ist das, was begeistert und was einzigartig ist.“, so Angelika Inselkammer.

Traditionen aufleben lassen und neue Wege gehen
Um Traditionen lebendig zu halten, ist es aber auch wichtig, neue Wege zu gehen. „Weg vom phantasielosen Beharren – hin zum freudigen Neuerfinden von Bräuchen, Lebensweisen, Kulturformen.“, so Martin Wölzmüller. Gelungen ist dies zum Beispiel bei dem 2013 von Frederik Mayet in Oberammergau ins Leben gerufenen Heimatsound Festival, bei dem der Fokus auf jungen alpenländischen Bands liegt und das in diesem Jahr schon vier Monate vor der Veranstaltung ausverkauft war. Oder auch im Sinne einer Architektur, die regionale Bezüge herstellt und hiesige Materialien verwendet, die an die gewandelten Lebensweisen und energetischen Ansprüche unserer Zeit angepasst sind.

Hohe Qualität und gelebte Regionalität fördern
Um als Destination authentisch zu wirken, ist es zudem wichtig, sich durch qualitativ hochwertige regionale Produkte und Leistungen zu präsentieren und diese zu fördern.
Denn „wenn die lokalen Betriebe es schaffen, eine Geschichte zu erzählen, dann sind die Touristen diejenigen, die […] die Zeit haben zuzuhören und diese Produkte dann auch kaufen“, warf Sabine Ostermair, Flughafen München, ein.
Diese Chance zu nutzen und sich bei der Vermarktung der Tourismusregion auch bewusst für eine Zielgruppe zu entscheiden, die „die Dinge, die wir haben und die wir beherrschen, auch zu schätzen weiß und auch bereit ist dafür zu bezahlen“ wäre ein erster wichtiger Schritt, so Martin Wölzmüller. Denn nur über eine hohe Qualität und gelebte Regionalität kann sich Oberbayern gegen andere Destinationen abgrenzen und im internationalen Wettbewerb bestehen.
Auch beim anschließenden Get together diskutierten Studierende und Branchenvertreter bei einem bayerischen Imbiss angeregt weiter.


Elena Baumann